Geld ist ein Mysterium, das zu entschlüsseln, besser noch, für sich zu nutzen, Menschen von jeher beschäftigte. Ich weiß nicht, wie viele Bücher darüber geschrieben wurden, wahrscheinlich würden sie ganze Bibliotheken füllen. Warum übt Geld eine derartige Faszination aus? Mit Geld kann man sich materielle Wünsche erfüllen oder man kann andere Menschen dazu bringen, eigenen Begehren dienstbar zu sein. Auf die Frage, wie Geld aussieht, könnte wohl jeder Beispiele nennen. Geld, das sind Geldscheine und Münzen, aber auch Guthaben auf Bankkonten. Guthaben bei Versicherungen oder Forderungen an Firmen und Privatpersonen könnte man ebenfalls dazuzählen, jedenfalls wenn man sie sich auszahlen lassen kann. Sind Kredite auch Geld? Irgendwie ja, denn mit aus Krediten stammenden Geld, kann man Waren und Dienstleistungen erwerben. In den letzten Jahren kamen elektronisch generierte Zeichen hinzu, deren Wert sich, einer Ware gleich, aus Angebot und Nachfrage bestimmt. Ihr Gebrauchswert resultiert aus dem Umstand, dass sie sich staatlicher Reglementierung und Überwachung weitgehend entziehen. Andere Formen elektronischen Geldes sollen eher die staatlichen Zugriffsmöglichkeiten erweitern. Was haben alle diese Beispiele oder Formen von Geld gemeinsam? Die wichtigste Gemeinsamkeit besteht darin, dass man mit ihnen Waren und Dienstleistungen erwerben kann. Das ist gewissermaßen ihre Bestimmung. Doch, worin besteht die innere Gemeinsamkeit all der verschiedenen Formen von Geld, ihr Wesen sozusagen? Für diese Frage müssen wir einen Blick in die Geschichte des Geldes werfen.
Zur Geschichte des Geldes sei, neben anderen, auf Karl Marx verwiesen, der sich im „Kapital“ intensiv mit dieser Frage auseinandersetzte. Seine Analyse endete in seiner Zeit, das heißt, in der Epoche des vorindustriellen Kapitalismus. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen wurde in den von ihm untersuchten Zeiträumen vorwiegend Produkt gegen Produkt beziehungsweise unter Zuhilfenahme einer Geldware abgewickelt. Zur Geldware wurden Produkte, die jeder Marktteilnehmer für die Begleichung einer Forderung akzeptieren konnte. Im Laufe der Zeit etablirten sich vor allem Edelmetalle, oft in Form von Gold- oder Silbermünzen, als Geldwaren. Sie konzenrierten einen hohen Wert in einem geringen Volumen und waren als Material sehr beständig. Ihr Nachteil war, dass sie nur begrenzt zur Verfügung standen und ihr sicherer Transport einen relativ hohen Aufwand verursachte.
Nach und nach bildeten sich verschiedene Wege zu einer einfacheren Abwicklung von Geschäften heraus. Man konnte zum Beispiel Forderungen und Verbindlichkeiten eines Klienten miteinander verrechnen, ohne dass Geldware bewegt werden musste. Es war auch möglich, einen Schuldschein gegen das eigene Vermögen oder gegen Guthaben bei Dritten auszustellen und diesen zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen einzusetzen. Diese Schuldscheine hatten den Nachteil, dass sie an einen konkreten Schuldner gebunden waren, dessen zweifelsfreie Solvenz bekannt sein musste. Damit waren deren Einsatzmöglichkeiten von vorherein begrenzt. Banken und deren Solvenz waren einem größeren Kreis von Händlern bekannt. Die von ihnen ausgegebenen Schuldscheine respektive Banknoten konnten daher breiteren Einsatz finden. Dies galt umso mehr dann, wenn die Bank eine staatliche Autorisierung zur Ausgabe von Banknoten erhielt.
Der erste Einsatz derartigen „Papiergelds“ ist bereits im 11. Jahrhundert in China dokumentiert. Geldscheine in Umlauf brachten. Die dort in Umlauf gebrachten Geldscheine konnten auf den Märkten jederzeit in Geldware, in der Regel Münzen, eingetauscht werden, so dass die Händler nicht mehr genötigt waren, schwere Münzen zu den Märkten zu transportieren. In Europa wurden erste offizielle Banknoten im 16. Jahrhundert ausgegeben. All diesen Banknoten war gemeinsam, dass sie einen Anspruch auf Geldware dokumentierten. Die Geldware war damit an jedem Geschäft beteiligt , auch wenn sie physisch nicht in Erscheinung trat.
Nach dem Tod von Karl Marx vollzogen sich grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die auch die Rolle des Geldes veränderten. Auslöser der Entwicklungen war die industrielle Revolution, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den fortgeschrittenen Ländern Fahrt aufnahm. In wachsendem Maße wurden Maschinen in den Produktionsprozess einbezogen. Die Industrie, die sich vor allem in den Städten konzentrierte, zog viele Menschen an, die sich dort als Arbeitskräfte verdingten. Zum Ende des Jahrhunderts erreichten die Veränderungen einen Punkt, an dem die industrielle Produktion zur dominierenden Kraft der Volkswirtschaften dieser Länder wurde. Die Landwirtschaft, die bisher die Volkswirtschaften getragen hatte, verlor demgegenüber an Bedeutung. Dieser Prozess war von grundlegenden Veränderungen in den Beziehungen der Produzenten, Händler und Konsumenten zueinander begleitet.
Für die sich schnell ausweitende Massenproduktion und den damit einhergehenden massenhaften Austausches von Gütern wurden immer größere Mengen an Papiergeld benötigt. Es entstand damit jedoch die Gefahr, dass weit mehr Geldscheine in Umlauf kamen, als Goldreserven zu ihrer Deckung vorhanden waren. Solange sich die Märkte stabil entwickelten schien dies problemlos. Sobald jedoch irgendwelche Ereignisse die Verkäufer verunsicherten, würden sie womöglich den sicheren Hafen suchen und das mit dem Papiergeld versprochene Gold einfordern. In einem solchen Fall wären die Banken, die die Geldscheine ausgegeben hatten, wahrscheinlich nicht in der Lage, ihr Versprechen einzulösen. Sie wären zahlungsunfähig. Die Zahlungsunfähigkeit von Banken konnte zum Kollaps der Märkte und letztlich ganzer Volkswirtschaften, mit unübersehbaren politischen Folgen, führen. Um dieser Gefahr vorzubeugen, schränkte man die Eintauschbarkeit der Geldscheine gegen Gold schrittweise ein, bis sie nur noch im internationlen Zahlungsausgleich eine gewissse Relevanz besaß. Die letzten Reste des Goldstandards wurden 1973 liquidiert.
Geldscheine konnten nun in keiner Weise mehr als Repräsentant einer Geldware gelten, sie waren nur noch bedrucktes Papier. Das mit ihnen verbundene Versprechen beschränkte sich auf die staatlich verfügte Verpflichtung aller, Papiergeld für die Bezahlung jeglicher Verbindlichkeiten zu akzeptieren. Volkswirtschaftlich gesehen wurden Verkäufer damit zu Kreditgebern, denn sie erhielten für ihre eigenen Produkte keine Produkte anderer Hersteller, auch keine Geldware, wie Gold zum Beispiel. Sie bekamen lediglich das Versprechen, ihre aus dem Verkauf resultierenden Forderungen, die sie in Form von Papiergeld in Händen hielten, zu einem späteren Zeitpunkt auf einem beliebigen Markt realisieren zu können. Damit richteten sich ihre Forderungen, die vorher gegen konkrete Käufer geltend gemacht wurden, nun gegen eine nicht mehr konkret adressierbare Gemeinschaft von Verkäufern. Sie wurden in gewisser Weise abstrakt. Seine Forderungen, die er in Form von Papiergeld in Händen hielt, konnte der Verkäufer allerdings nur dann sinnvoll einsetzen, wenn auf den Märkten ein seinen Bedürfnissen entsprechendes Angebot an Waren und Dienstleistungen vorhanden war. Für deren Bereitstellung mussten die Anbieter ihrerseits Verpflichtungen eingehen, die mit der Verausgabung von Papiergeld verbunden waren. Das heißt, sie mussten Vorleistungen für Material und Arbeitskräfte erbringen, Verbindlichkeiten eingehen, das heißt, Verbindlichkeiten eingehen, die sich auf den Märkten beweisen mussten.
Die in diesem Prozess entstehenden Forderungen und Verbindlichkeiten sollten sich ausgleichen, da eine Forderung nur dadurch entstehen kann, dass beim Gegenpart eine Verbindlichkeit aufscheint. Auf Märkten, die für den einzelnen „anonym“ sind, gilt dies allerdings nicht. Verbindlichkeiten in Form von Vorleistungen für die Produktion können hier nur zu Forderungen in Form von Papiergeld werden, wenn die Produkte auf eine entsprechende Nachfrage treffen. Können sie nicht verkauft werden, werden die mit ihnen latent verbundenen Forderungen nicht Wirklichkeit, sie werden nicht zu Geld. Schlimmer noch, die mit diesen Produkten verbundenen Verbindlichkeiten gegenüber Zulieferern und eigenem Personal können ohne die erwarteten Einkünfte nicht bedient werden, es sei denn, der Unternehmer kann sie anderweitig ausgleichen. Kann er dies nicht, droht seine Zahlungsunfähigkeit. In einem solchen Fall würden die Forderungen seiner Lieferanten, Dienstleister und Arbeitskräfte nicht bedient werden. Sie gingen wortwörtlich ins Leere, in leere Kassen. Dies kann wiederum bei den Geprellten zu Zahlungsproblemen führen und unter Umständen eine Kettenreaktion auslösen, die die Nachfrage auf dem Markt insgesamt beeinträchtigt.
Betrachten wir den umgekehrten Fall. Unser Unternehmen kann seine Ware vollumfänglich absetzen. Es realisert höhere Einnahmen, als Ausgaben für die Produktion erforderlich waren. Mit anderen Worten, es realisiert mehr Forderungen in Form von Papiergeld als es Verbindlichkeiten für die Produktion eingehen musste. Der Überschuss bleibt als Gewinn im Unternehmen oder er wird zu Unternehmerlohn. Unter Umständen lässt der Unternehmer auch seine Arbeitskräfte am Erfolg teilhaben. Sollten alle Nutznießer des Gewinns die erwirtschafteten Forderungen in Form von Papiergeld vollumfänglich zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen einsetzen, entstünde zusätzliche Nachfrage. Daraus können nachhaltige Wachstumsimpulse resultieren, zumindest wenn die zunehmende Nachfrage auf ein wachsendes Angebot an Waren und Dienstleistungen trifft. Kann Letzteres nicht gesichert werden, weil, zum Beispiel, schwerwiegende wirtschaftliche oder politische Krisen dies verhindern, dann wird sich die Angleichung der Forderungen in Form von einem Mehr an Papiergeld im Vergleich zum begrenzten Angebot an Waren und Dienstleistungen über steigende Preise, das heißt, auf dem Wege der Inflation vollziehen.
Die geschilderten Zusammenhänge sind in gewissem Maß Vereinfachungen. Im „Leben“ einer Volkswirtschaft treten eine Vielzahl von Wirkungen und Gegenwirkungen auf, die diese Zusammenhänge konterkarieren können. Die „Vereinfachung“, besser Abstraktion, dient vor allem dazu, wesentliche Zusammenhänge deutlich werden zu lassen. Sie soll uns jedoch nicht davon abhalten, einem weiteren wichtigen Faktor nachzuspüren – dem Auseinanderfallen von Forderungen und Verbindlichkeiten in Ort und Zeit.
Der Faktor Ort sollte in unserer Zeit eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen, da fortgeschrittene Logistiksysteme räumliche Diskrepanzen von Angebot und Nachfrage schnell überbrücken können. Einschränkend muss angemerkt werden, dass dies nur unter „normalen“ Umständen gilt. Umweltkatastrophen, aber auch politische und wirtschaftliche Auseinandersetzungen, wie Bürgerkriege oder flächendeckende Streiks, können zu erheblichen Störungen in den Wirtschaftsbeziehungen führen. Die daraus resultierenden Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage setzen die Preise unter Druck. Nicht minder problematisch sind politisch motivierte Unterbrechungen internationaler Lieferketten. Sie führen ebenfalls zu Engpässen im Angebot und damit zu steigender Inflation.
Der Faktor Zeit sollte heute erst recht vernachlässigbar sein, da das moderne Bankensystem Zahlungsvorgänge in Echtzeit ermöglicht. Wie so oft, sind auch hier die auftretenden Probleme weniger der Technik als den Individuen geschuldet, die die Transaktionen vornehmen müssen. Man kann halt weder Menschen noch Unternehmen dazu zwingen, die erwirtschafteten Forderungen, die in Form von Papiergeld ihr eigen sind, sofort und vollumfänglich auf den Märkten geltend zu machen. Sie könnten das Geld für spätere Investitionen oder Anschaffungen, vielleicht auch als Vorsorge für schlechte Zeiten, aufsparen. Das hätte zur Folge, dass sich diese Forderungen nicht in Nachfrage wandeln. Das heißt, die mit ihnen verbundene potenzielle Nachfrage wird den Märkten auf unbestimmte Zeit entzogen. Einerseits wird dadurch der inflationäre Druck, der aus dem Anstieg der Gewinne resultiert, gemildert, andererseits bleibt das entstehende Wachstumspotenzial ungenutzt.
Derartige Probleme entstanden nicht erst mit dem Aufkommen der Massenproduktion. Bereits in den Zeiten der Geldware wurden Gold- und Silbermünzen als Schatz gebunkert beziehungsweise bei Banken hinterlegt und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Indem die Banken Kredite vergaben, sorgten sie für die Rückführung eines Teils der thesaurierten Geldware in den Wirtschaftskreislauf. Basis ihrer Kredite waren die Einlagen der Kunden und ihr Eigenkapital. Heute, da die Geldware im Zahlungsverkehr keine Rolle mehr spielt, sind Kredite Papiergeld, also Forderungen gegen den Markt. Diese Forderungen, wie auch der „Markt“, sind abstrakt, bis sie sich in konkreten Käufen respektive Verkäufen materialisieren. Man könnte also sagen, dass mit den Krediten in Papiergeld ein Teil der auf Konten brachliegenden Forderungen in den Markt zurückgegeben wird, wo sie die Nachfrage erhöhen und, sofern sie in Investitionen fließen, auch das zukünftige Angebot befördern.
Ein wichtiger Teil der Einnahmen der Banken resultiert aus der Differenz zwischen den Zinsen, die sie den Anlegern zahlen und denen, die sie für die Kredite verlangen. Da Banken gewinnoriente Unternehmen sind, kann es geschehen, dass sie den Blick für vertretbare Kreditrisiken aus den Augen verlieren und in der Folge Kredite an nicht ausreichend solvente Schuldner vergeben. Können diese Schuldner die Kredite nicht bedienen, kann das im schlimmsten Szenario die Bank selbst ins Straucheln bringen. In einem solchen Fall werden Banken von einem die Wirtschaft stabilisierenden Faktor zu einem Faktor mit erheblichen Katastrophenpotenzial. Eine Bankenkrise kann ganze Volkswirtschaften in den Abgrund reißen. Nach leidvoller Erfahrung gingen einige Länder dazu über, der Risikobereitschaft der Banken Schranken zu setzen, ihr Tun zu reglementieren.
Die Industrialisierung bescherte den fortgeschrittenen Ländern einen großen wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt. Die daraus erwachsende Macht nutzten sie zu ihrem Vorteil. Sie machten andere Länder zu Kolonien und degradierten sie zu schlecht bezahlten Lieferanten von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Arbeitskräften. Die daraus resultierenden Ungleichgewichte vergrößerten den Vorteil der entwickelten Länder und ihrer Unternehmen. Einige von ihnen akkumulierten gewaltige Kapitalien, mit denen sie eine Vormachtstellung auf den Märkten errangen. Sie waren in der Lage, mitunter in Absprache mit anderen Unternehmen, ganze Volkswirtschaften zu dominieren und Monopolgewinne zu erzielen. Ihr Egoismus führte nicht selten zu volkswirtschaftlichen Disproportionen, die wiederum einige Staaten veranlasste, Gesetze zu erlassen, die die Möglichkeit der Monopolbildung einschränkten.
Die wachsenden Überschüsse in den Volkswirtschaften der entwickelten Länder schufen wiederum Möglichkeiten, die Lage der Arbeiterschaft nach und nach zu verbessern und deren Bildungsniveau zu heben. Dies war durchaus im Interesse der Unternehmen, da die moderne Industrie gut ausgebildete Fachkräfte brauchte. Der schrittweise zunehmende Wohlstand in den Industrieländern drückte sich auch in wachsenden Guthaben bei Geldinstituten aus. Mögen anfangs vor allem große Unternehmen die Nutznießer gewesen sein, so konnten bald auch kleinere Produzenten und Dienstleister sowie qualifizierte Arbeiter und Angestellte Rücklagen aufbauen. Die durch die Guthaben bei Geldinstituten brachliegenden Forderungen mussten jedoch zurück in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden, damit die Nachfrage stabil bleiben und die Wirtschaft wachsen konnte. Mit anderen Worten, eine Ausweitung der Kreditvergabe wurde zur Voraussetzung für die Verstetigung der wirtschaftlichen Entwicklung. Dem stand entgegen, dass es nicht genügend Investitionsvorhaben solventer Schuldner gab, um ein adäquat wachsendes Kreditvolumen zu rechtfertigen. Es entstand ein Zielkonflikt, den man auch als Gegensatz beschreiben kann. Auf der einen Seite stand das Erfordernis, das Kreditvolumen auszuweiten, damit es mit den wachsenden Guthaben bei Geldinstituten Schritt halten konnte, auf der anderen Seite mussten die mit der Ausweitung der Kreditvergabe einhergehenden Risiken begrenzt bleiben. Zur Lösung dieses Widerspruchs wurde ein Schuldner benötigt, den man als unbegrenzt solvent betrachten konnte.
Der Staat mit seinem Privileg, die Bürger und Unternehmen mittels Steuern und Abgaben zur Kasse bitten zu können, besaß das dafür erforderliche Potenzial. Gleichzeitig waren dem Staat mit seinen Institutionen neue Aufgaben zugewachsen, wie die Schaffung einer modernen Bildung, Gesundheitsvorsorge und Infrastruktur sowie die Sicherung eines wissenschaftlichen Vorlaufs. Aufgaben zur Sicherung der äußeren Märkte sowie des Zuflusses an natürlichen Ressourcen, gegebenenfalls mit militärischen Mitteln, kamen hinzu. Für all diese Aufgaben reichten die bisherigen Einnahmen des Staates nicht aus. Um die Lücke zu schließen, wurden zusätzliche Steuern erhoben, was bei Bürgern und Unternehmen selten gut ankam. Eine andere Möglichkeit, den wachsenden Finanzbedarf des Staates zu befriedigen, bestand darin, Kredite aufzunehmen. Auf diese Weise würden auch die in Form von Guthaben bei Geldinstituten brachliegende Forderungen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden, was die wirtschaftliche Entwicklung stabilisieren konnte. John Maynard Keynes (1883-1946) ist der wohl bekannteste Ökonom, der diesen Ansatz theoretisch begründete.
Forderungen in Form von Papiergeld im Markt zu halten und damit die Nachfrage zu stabilisieren, ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Um Wachstum zu generieren, muss auch ein zeitgemäßes Angebot an Waren und Dienstleistungen verfügbar sein. Das heißt, es ist erforderlich, dass ein bestimmter Teil der gesamtgesellschaftlichen Ausgaben als Investitionen zurück in die Wirtschaft fließt. Investitionen sind zuförderst Aufgabe der Unternehmen. Um Unternehmer für entsprechende Vorhaben zu motivieren, sind vorteilhafte wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erforderlich. Dazu gehören neben sozialer Stabilität auch ein Vorlauf in der Fotschung und die Schaffung einer modernen Infrastruktur. Diese Rahmenbedingungen herzustellen, wurde zu einer vorrangigen Aufgaben des Staates. Die Praxis bei der Realisierung von Infrastrukturvorhaben zeigte allerdings, dass der Staat nicht der effizienteste Investor ist.
Mit den Aufgaben wuchs auch der Staatsapparat, der nun immer mehr Mittel verschlang. Aufwendungen für mehr Personal, schönere Büros mit besserer Ausstattung und natürlich eine angemessenen Bezahlung der dort Tätigen füllten die Ausgabenseiten seiner Bücher. Der Staat war zudem für die innere und äußere Sicherheit verantwortlich, weshalb Anschaffungen für Polizei und Armee ebenfalls nicht vernachlässigt werden durften. Letztere werden gern als Investitionen bezeichnet, was sie volkswirtschaftlich gesehen nicht sind, denn mit Waffen und militärischen Ausrüstungen wird keinlei Beitrag zur Herstellung von Produkten oder Dienstleistungen erbracht. Gegenüber privater Konsumtion haben diese Güter zudem den Nachteil, dass für ihre Nutzung und Wartung weitere Kosten anfallen, die ebenfalls den Staatshaushalt belasten.
Der beschriebene Hunger der Politik nach Konsumtion führt nicht selten zur Vernachlässigung von Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Bildung. Im kritischen Blick auf diese Entwicklung entstanden Theorien, die einen schlanken Staat einforderten. Durch weniger Regeln und Schranken sollte das Angebot gestärkt und der Wirtschaft Dynamik eingehaucht werden. Auf diese Weise würde auch der Preisauftrieb begrenzt. Gleichzeitig sollten die investiven Aufgaben vom Staat zurück an die Wirtschaft gegeben werden, da diese besser mit den Mitteln umgehen würde. Auch diese Theorie konnte nicht alle ihre Versprechen einlösen. Es zeigte sich, dass Investitionen, die erst langfristig Wirkung entfalten, wie umfängliche Infrastruktur- und Wissenschaftsprojekte, nur schlecht oder gar nicht mit der Interessenslage privatwirtschaftlicher Unternehmen vereinbar sind. Letzteres gilt in besonderem Maße für Kapitalgesellschaften, deren Führungspersonal überwiegend am kurzfristigen Erfolg gemessen wird.
Wegen eines ideologisch bedingten Misstrauens gegen privatwirtschaftliche Initiativen gingen einige Länder dazu über, praktisch alle Unternehmen zu verstaatlichen und zentral zu führen. Dieses Experiment scheiterte. Erfolge in einigen aufstrebenden Volkswirtschaften zeigen jedoch, dass staatliche Zielvorgaben und eine adäquate wirtschaftliche Rahmensetzung helfen können, gravierende Disproportionen zu vermeiden und langfristige gesellschaftliche Aufgabenstellungen mit vereinter Karft zu bewältigen. Die Frage ist, wie weit diese staatlichen Eingriffe gehen dürfen, damit die wirtschaftliche Dynamik befördert und nicht beeinträchtigt wird. Offensichtlich handelt es sich auch hier um einen Gegensatz, dem Gegensatz von „freier“ Marktwirtschaft und staatlicher Regulierung. Wie bei jedem Gegensatz liegt das Heil nicht im entweder/ oder, sondern in der Balance der Seiten. Diese Balance muss im Einklang mit den tatsächlichen Gegebenheiten immer wieder aufs Neue hergestellt werden.
Zurück zum Verhältnis von brachliegenden Mitteln in Form von Bankguthaben und dem in einer Volkswirtschaft erforderlichen Kreditvolumen. Wir hatten gesehen, dass der Staat als solventer Schuldner auftritt und dadurch hilft, die Balance zwischen den Seiten im gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu stabilisieren. Es bleibt die Frage, ob der Staat tatsächlich als unbegrenzt solvent gelten kann. Wie jeder andere potenzielle Schuldner muss auch der Staat jemanden finden, der ihm das benötigte Geld leiht. Das können Privatpersonen oder Unternehmen, Banken und Versicherungen zum Beispiel, sein. Letztere verwalten ihrerseits das Vermögen ihrer Kunden. Für die Bereitstellung der Mittel verlangt der Kreditgeber Zinsen, zumindest ist das die Regel. Die Zinsen muss der Staat über seinen Haushalt finanzieren, was seinen zukünftigen finanziellen Spielraum einschränkt. Ist das volkswirtschaftliche Wachstum groß genug, können die um die Zinsen vermehrten Ausgaben durch höhere Einnahmen, die aus Wirtschaftswachstum resultieren, kompensiert werden.
Um Wachstum zu gegerieren, sind, wie gesehen, entsprechende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein effizient agierender Staatsapparat erforderlich. Wir hatten allerdings konstatieren müssen, dass Staaten häufig einen überbordenden Hunger nach Konsumtion entwickeln, der die Spielräume für die Schaffung dieser Rahmenbedingungen einengt. Wird in der Folge kein ausreichendes Wachstum erreicht, ist es die Aufgabe der Politik, die Ausgaben entsprechend zu begrenzen. In der Praxis wird dies, nicht zuletzt wegen der Interessenslage ihrer Diener, eher selten umgesetzt. Alternativ kann man die Bürger vermehrt zu Kasse bitten, was bei den potenziellen Wählern jedoch nicht gut ankommen wird. Übergewichtete konsumtive Ausgaben können auch die Inflation befeuern. Diese kann dem Staatshaushalt zeitweilig etwas Luft verschaffen, da sich mit den Preisen die Einnahmen aus der Umsatzsteuer vergrößern, ohne dass Steuersätze erhöht werden müssten. Inflation ist jedoch ein zweischneidiges Schwert, denn sie ist auch Zeichen für wirtschaftliche Instabilität und damit Ursache für steigende Zinsen. Steigende Zinsen belasten wiederum den Haushalt mit höheren Kreditkosten. Ein Dilemma tut sich auf, das scheinbar nur durch neue Schulden aufgelöst werden kann. Mich erinnert dieses Vorgehen an einen Spieler, der Verluste mit immer mehr Schulden finanziert, in der Hoffnung, irgendwie würde alles gut werden.
Wohl den Bürgern, die von klugen und weitblickenden Politikern geführt werden.
zuletzt geändert: 01.04.2026